Stadt, Wald, Moor – Sommerakademie 2019 in Tschechien

27.09.2019 – Käsebrote kann man gut in der Badewanne zwischenlagern, auch Frauen können Graffiti schreiben, Hogwarts liegt in Tschechien, Sûmava stirbt nicht, aus Grenzzäunen können Wanderwege werden und es gibt Politiker, die tatsächlich eine ihnen gestellte Frage klar beantworten. Das und noch viel mehr haben wir auf unserer Sommerakademie in Tschechien gelernt. Drei Tage haben wir in der Hauptstadt Prag verbracht, bevor wir in die Ruhe des Nationalpark Sûmava weitergereist sind.

Am Montag, dem 19. August 2019, haben wir uns morgens in der Landesgeschäftstelle in Pasing getroffen. Nach einer schnellen Vorstellungsrunde wurde erstmal Tetris gespielt, bis 16 Leute ihr Gepäck, Essen und Material für eine Woche verstaut haben. Dann ging es los – nach Tschechien, zunächst in die Hauptstadt Prag. Die nächsten drei Tage würden wir in einem super schönen AirBnB direkt im Zentrum verbringen. Abends haben wir dann eine erste Tour zu den wichtigsten zentralen Sehenswürdigkeiten gemacht. Neben der schwarzen Madonna und der astronomischen Uhr am Alten Rathaus haben wir dabei Hogwarts entdeckt – zumindest hat die Teynkirche am Altstädter Ring große Ähnlichkeit mit der Schule für Zauberei aus den Harry-Potter-Filmen.

Am Dienstag ging es ins Museum. Ein Teil der Gruppe beschäftigte sich im Museum des Kommunismus mit der jüngeren Vergangenheit Tschechiens, während eine zweite Gruppe auf den Berg zur Prager Burg stieg. Auf dem Weg dorthin begrüßten uns von einem Gebäude der Karlsuniversität Banner mit Schriftzügen wie „Climate Justice Now“ – Fridays for Future ist auch in Tschechien aktiv.

Nachmittags durften wir David Frantisek Wagner und Dan Leština von der tschechischen Piratenpartei Pirátská Strana treffen, die dort bei der Europawahl fast 14 % der Stimmen erhalten hat. Dan ist verantwortlich für den südlichen Böhmerwald und hat uns einiges über den Nationalpark Sûmava und die lokalen Schwierigkeiten erzählt. Anders als im Bayerischen Wald ist es in Sûmava stark von der politischen Einstellung des Parkmanagement abhängig, inwieweit das Gebiet geschützt und sich selbst überlassen, gepflegt oder sogar kommerziell genutzt wird. Außerdem erfuhren wir von einer Kampagne, die seit einigen Jahren das Narrativ verbreitet, Sûmava würde sterben. Tatsächlich sind im Nationalpark, wie fast überall in Europa, großflächig Fichtenmonokulturen dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. Allerdings zeigen Beobachtungen aus den sogenannten Non-Intervention-Zones, dass der Wald nicht stirbt, sondern sich lediglich verjüngt. Ohne das Eingreifen von Menschen wachsen junge Bäume nach und bilden einen neuen, durchmischten und widerstandsfähigeren Wald. David erklärte uns noch einiges zur politischen Struktur in Tschechien und den politischen Inhalten der Piratenpartei. Uns ist aufgefallen, dass sowohl Dan als auch David klar auf unsere mitunter kritischen Fragen geantwortet haben. Ein angenehmer Gegensatz zu den langwierigen Ausführungen, die hiesige Politiker oft anstelle einer Antwort geben.

Am Mittwoch hat uns die Graffiti-Künstlerin Sany auf eine alternative Tour durch Prag mitgenommen. Dabei konnten wir in die Graffitiszene eintauchen und aus erster Hand erfahren, wie es ist, sich als talentierte junge Frau in der männerdominierten Szene zu behaupten. Neben Spraykunst haben wir einen aus alten Autos gebauten Biergarten mit angeschlossener Party Location, einen Street Food Market und „Parelelní Polis“, die „Parallelwelt“, besucht. In diesem Haus hat die Künstler- und Hackergruppe „Ztohoven“ unter anderem ein Café eröffnet, das nur Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptiert.

Zurück im AirBnB veranstalteten wir einen tschechischen Kochabend mit traditionellen Gerichten (was vegetarisch gar nicht so leicht ist) und wurden aufgrund von Platzmangel in der kleinen Küche sehr kreativ, bis wir die Käsebrote vor dem Überbacken sogar in der Badewanne zwischengelagert haben.

Am Donnerstag war Umzug angesagt. Raus aus der hektischen und lauten Hauptstadt in die Ruhe und Einsamkeit des Böhmerwaldes. Unsere Unterkunft – ein Haus direkt im Nationalpark. Hier hat uns abends Jan Skalík von Hnutí Duha besucht. Als erste und größte Umweltschutzorganisation Tschechiens nach 1989 setzt sich die „Regenbogenbewegung“ vor allem für die tschechischen Wälder und gegen Kohlekraft ein. Jan bestätigte uns die Einschätzung der Piratenpartei, dass Umweltschutz in Tschechien auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda bei weitem weniger weit oben steht als in Deutschland. Aber auch hier hat Fridays for Future eine Entwicklung aufgegriffen, bei der sich immer mehr junge Menschen für den Klimaschutz stark machen.

Freitag ging es ins Moor. Während wir aus Torf einen Damm gebaut haben (Schlammschlacht inklusive), der bei der Wiedervernässung des ehemals trockengelegten Feuchtgebietes helfen soll, schickte uns Richard Mergner (Erster Vorsitzender des Bund Naturschutz), zwei Fotografen vorbei – und einige Flaschen Bier. Danke dafür und Prost!

Nach einer Wanderung durch hohe Feuchtwiesen und dichtes Gestrüpp wärmten wir uns abends bei Stockbrot und Gitarrenmusik am Lagerfeuer auf.

Den letzten Tag der Sommerakademie verbrachten wir in drei verschiedenen Ländern. Auf dem Grenzkamm zwischen Tschechien, Deutschland und Österreich konnten wir sowohl den Schaden sehen, den der Sturm Kyrill 2007 und der Borkenkäfer angerichtet haben, aber auch, wie der Wald langsam nachwächst. Als grünes Band zieht sich dennoch sichtbar nach wie vor der ehemals eiserne Vorhang durch das Gebiet, dessen Funktion als Grenze nur noch durch einen großen Grenzstein und einen schmalen Wanderweg erkennbar ist. Teile der Wegbefestigung bestehen aus Pfosten des einstigen Grenzzauns. Was für ein starkes Zeichen, dass hier aus einer Grenze Wege wurden.

Den Abschluss der Woche haben wir jeder für sich allein im Wald verbracht. Ohne künstliches Licht haben wir uns Zeit genommen, die Woche zu reflektieren. Dafür wurden wir mit einem klaren Sternenhimmel belohnt.

Zurück in München fiel uns am Sonntag der Abschied sichtlich schwer. Wir sind als Gruppe zusammengewachsen und haben jeder für sich viel für unser weiteres Engagement lernen und mitnehmen können. Danke an alle, die dabei waren oder im Vorfeld mitgewirkt haben, für diese großartige Zeit!

Text: Julia Dade