Do war i dahoam! - Wie Bayern aufgefressen wird, und Bürger*innen gegen die Wirtschaft ausgespielt werden

04.10.2018 – Am besten gleich vorab: Flächenfraß ist kein Nischenthema. Das Problem ist groß. Verdammt groß. Und es wird täglich größer. Zum Beispiel gestern. Oder heute. Und morgen auch. Und zwar jeweils um 13,1 Hektar. Das ist die Fläche, die in Bayern täglich zugebaut wird. Etwas anschaulicher sind das mehr als 18 Fußballfelder. Täglich!

Pro Jahr entspricht das 4781 Hektar, also ungefähr der Fläche des Ammersees. Treiben wir die Rechnerei noch ein wenig weiter: Seit dem Jahr 2000 wurde in Bayern eine Fläche mit Beton verbaut, die so groß ist, wie München, Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Fürth zusammen. Wow. Versuche kurz, dir eine natürliche Landschaft von dieser Größe vorzustellen. Und nun stelle dir vor, diese Fläche wird zubetoniert. Kein Baum, kein Gras, kein Vogel mehr. Kein Schatten. Der Regen bildet traurige Pfützen, weil er nicht abfließen kann. Sich so einen Wandel vorzustellen, ohne zumindest einmal bedenklich zu schlucken, ist ziemlich schwierig, oder?

Aber genau das ist in den letzten Jahren in Bayern passiert. In Bayern! Du weißt schon, dieses Bayern der schneebedeckten Berggipfel, der frischen, waldumsäumten Seen, der blumenübersäten Almwiesen unter blauweißem Himmel. Tschüss Poster. Hallo Realität.

Auseinandersetzung bitte!

Eine solche Zerstörung von Heimat und Natur ist skandalös. Sie schreit geradezu nach Auseinandersetzung, nach Streit und Diskussion, nach Lösung und Alternativen. Aber Flächenfraß ist keine plötzliche Tatsache, sondern ein schleichender Prozess. Eine Straße wird hier gebaut, ein neues Einkaufszentrum dort und in der Nachbarstadt entsteht ein Bürokomplex. All dies dauert Jahre und tritt an verschiedenen Orten auf. Man hat Zeit, zu beobachten und sich langsam zu gewöhnen. Den Wandel in gemächlichem Tempo zu begrüßen. Die Zerstörung unserer Landschaften geschieht fast unbemerkt. Und deshalb passiert: nichts.

Doch das hat sich geändert: Ein Bündnis verschiedenster Organisationen, Verbände und Parteien hatte sich aufgemacht, die Verbauung der bayerischen Landschaft zu stoppen. Sie wollten nicht länger hinnehmen, das grüne Flächen und die Natur dem menschlichen Expansionsdrang immer weiter weichen müssen. Es wurde diskutiert. Es wurde demonstriert. Es wurde geworben und gestritten. Und es wurden Unterschriften gesammelt, 50.000. Ein Volksbegehren scheiterte nur knapp und schaffte es bis vor den Bayerische Verfassungsgerichtshof. Vor allem wird dem Thema Flächenfraß nun aber endlich die Aufmerksamkeit gewidmet, die ihm gebührt.

Die Kampagne gegen Flächenfraß führte auch zu unterhaltsameren als endlosen Papieren, die die Bürger Bayerns mit ihren diversen Unterschriften verziert haben. Ein Bagger bedrohte symbolisch das Münchner Reiterdenkmal und somit Ludwig I. selbst. Die gesammelten Unterschriftslisten wurden mit Schubkarren ins Innenministerium befördert, um das Volksbegehren dort anzumelden. Und der Kampf gegen den Flächenfraß hört mit der Ablehnung des Volksbegehrens nicht auf. Das Ziel ist und bleibt, den Flächenverbrauch in Bayern gesetzlich auf 5 Hektar pro Jahr zu begrenzen. Im Oktober steht die Landtagswahl in Bayern an. Und damit die nächste große Chance, den unbegrenzten Flächenfraß zu bändigen.

Im genannten Bündnis sammelten sich verschiedenste Organisationen. Gleichzeitig wurden unzählige freiwillige Unterstützer mobilisiert, die von Parteien und Institutionen unabhängig, aber der Sache verbunden sind. Sie wollen mitreden. Sie wollen die schleichende Zerstörung ihrer Heimat und der Natur vor unserer Haustür nicht länger schweigend hinnehmen. Sie wollen ihre Meinung sagen und demonstrieren, etwa am 06. Oktober in München unter dem Motto „Mia hams satt“. Es geht hier nicht um Fortschrittsangst, Blümchenzählen oder unrealistische Träumerei. Wer sich die vielen Argumente gegen überbordenden Flächenfraß vor Augen hält, dem wird schnell klar, dass das Problem kein Randgruppenphänomen ist, sondern die Gesellschaft in ihrer vollen Breite betrifft:

Wer bedroht hier wen?

Zunächst: Was macht Bayern einzigartig? Klar, Brezen, Helles und Obazda sind vorn mit dabei. Meiner Meinung nach sind aber vor allem die besondere Natur und Landschaft zentral für das Selbstverständnis und für die Außendarstellung Bayerns. Und genau die werden in einem atemberaubenden Tempo zerstört. Darunter leiden nicht nur die Jobaussichten für Postkartenmotivfotographen oder die Tourismusbranche. Das Heimatgefühl vieler Menschen in Bayern ist direkt betroffen. Das Problem Flächenfraß betrifft also unser Innerstes, es geht unter die Haut. Und das gilt nicht nur für Filzhut- und Lederhosenträger, sondern schließt auch mich als wahlbayerischen „Zugroastn“ ein. Wenn schon mir das Herz beim Anblick der nächsten Betonwüste statt Blumenwiese blutet und mir ein Schauer über den Rücken läuft, sobald eine mehrspurige Straße Bergflanken zerschneidet, wie muss es dann in den Menschen aussehen, die in Bayern und seiner natürlichen Schönheit aufgewachsen sind? Bayern droht nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Seele zu verlieren.

Ein weiterer Punkt ist der bereits heute weit fortgeschrittene Verlust von Biodiversität. Dabei ist Artenvielfalt nicht nur wichtig für Käferzähler und Schmetterlingsfreunde, sondern – man sollte es nicht glauben – auch zählbar relevant für die Wirtschaft und somit für alle. Sogenannte Ökosystemleistungen wie die Filterung von Trinkwasser, die Produktion neuen Bodenmaterials oder die Reinigung der Atemluft und Speicherung von CO2 sind für unsere Wirtschaft unverzichtbar. Sie werden aber nur von intakten Ökosystemen bereitgestellt. Und auch abseits wirtschaftlicher Gründe sind das beispiellose Insektensterben im heutigen Deutschland oder der Rückgang der Vogelarten eine ethische Katastrophe und müssen um ihrer selbst und unserer Ehrenrettung wegen aufgehalten werden.

Die aus dem Flächenfraß resultierenden Betonwüsten sind nicht nur das Ende für alles was kreucht und fleucht. Sie sind auch der Anfang von Überschwemmungen und Hochwassern. Bei starkem Regen fließt das Wasser bestenfalls in die dann häufig überlasteten Abwassersysteme. Böden und Vegetation können nichts mehr aufnehmen, da sie nicht mehr vorhanden sind. Man spricht hier von versiegelten Flächen. Da in Zeiten des Klimawandels ziemlich jeder Fachmann mit vermehrten Starkregenereignissen rechnet, wird das Problem in Zukunft immer wichtiger.

Ach ja, und um auf eines der klassischen Argumente der Befürworter des Bauwahnes einzugehen: Flächenfraß ist nicht gleichbedeutend mit wirtschaftlicher Entwicklung im ländlichen Raum! Ganz im Gegenteil. Zum Beispiel für die Landwirtschaft: Pachtland für bayerische Bauern wird durch die Zerstörung der Landschaft immer knapper und dementsprechend teurer und teurer. Als Folge müssen viele Bauern ihre Betriebe aufgeben, was genau das Gegenteil von ländlicher Entwicklung bedeutet. Genau aus diesem Grund engagiert sich auch die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft im Bündnis gegen Flächenfraß.

Gleiches gilt auch für Lebensmittelgeschäfte und andere Läden in unseren Städten. Aufgrund neuer Einkaufszentren auf der grünen Wiese in den Industriegebieten bayerischer Städte schließen immer mehr dieser Familienbetriebe für immer ihre Türen. Leere Schaufenster oder austauschbare Filialen der immer gleichen Großketten nehmen ihren Platz ein. Flächenfraß mit wirtschaftlicher Entwicklung gleichzustellen, zeugt also von einem überholten Verständnis von wirtschaftlichem Erfolg und Fortschritt.

Natürlich brauchen wir neuen Wohnraum!

Um das klarzustellen: Natürlich brauchen wir Platz für Neues, seien es vielversprechende Unternehmen oder Wohnungen. Nicht nur Studenten im Großraum München können ein Liedchen davon singen, dass es an Wohnraum mangelt. Gleichzeitig würde es doch mehr Sinn machen, den trotz des gefühlten Platzmangels überall deutlich sichtbaren Leerstand zu nutzen, statt immer neue Gebäude zu schaffen. Ressourcenschutz und Recycling ist nicht nur bei Bierdosen wichtig, sondern deutet erst im großen Maßstab auf wirklichen Pioniergeist hin, zum Beispiel beim Thema Wohnen. Das gleiche Prinzip gilt auch für Wirtschaftsräume. Zurzeit sind in Bayern mindestens 11.000 Hektar Gewerbeflächen ungenutzt. Und das sind nur die bekannten Flächen, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Brachliegende Flächen warten also überall geduldig darauf, wieder genutzt zu werden. Viel Geduld kann sich die bedrohte Landschaft hingegen nicht erlauben. Ihr Warten auf unsere Einsicht ist dringend.

Und warum der ganze Ärger?

Natur- und Landschaftsschutz ist formell bereits in zahlreichen Landesgesetzen und politischen Programmen festgeschrieben. In der Praxis hält dieser Schutzstatus wirtschaftlichen Großinteressen jedoch nur selten stand. Zum Beispiel das jüngste Kasperltheater am Riedberger Horn inklusive zahlreicher 180 Grad-Wendungen von Markus Söder zeigt eindringlich, dass wichtige Prinzipien wie Naturschutz dem politischen und wirtschaftlichen Opportunismus nicht wie eigentlich beabsichtigt über-, sondern vielmehr untergeordnet sind.

Deshalb brauchen wir in Bayern: Verbindliche Grenzen, mit denen die maximal erlaubte versiegelte Fläche pro Jahr festgelegt wird. Eine jener Obergrenzen also, in diesem Fall aber nicht für Menschen, sondern für den Flächenfraß. Dabei bietet zum Beispiel die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung einen guten Anhaltspunkt. Danach möchte Berlin den Flächenverbrauch in Deutschland auf 30 Hektar pro Jahr beschränken. Heruntergerechnet auf Bayern würde das einen Wert von 5 Hektar ergeben, der in Bayern pro Jahr maximal zubetoniert werden darf. Ein entsprechendes Landesgesetz wäre dringend notwendig und deshalb eine gute Idee!

Was nun?

Aber wie ließe sich so etwas trotz einer uneinsichtigen CSU durchsetzen? Und was kann jeder Einzelne dazu beitragen? Mindestens drei Dinge fallen mir direkt ein:

Zunächst die Demo „Mia hams satt“ am 06. Oktober, für die jeder Teilnehmer wichtig ist. Mehr Menschen = lautere Stimme = stärkeres Signal = erhöhte Aufmerksamkeit. Also komm vorbei!

Mindestens genauso wichtig ist die bayerische Landtagswahl acht Tage später, also am 14.10. Selbstverständlich: Wo man sein Kreuzchen setzt, ist eine individuelle Entscheidung und auch von vielen anderen Themen als dem Flächenfraß abhängig. Gleichzeitig ist die voranschreitende Zubetonierung Bayerns ein Problem, das in die Wahlentscheidung miteinfließen sollte.

Und zuletzt gilt ganz allgemein: Lasst uns das Thema ansprechen! In alltäglichen Unterhaltungen, politischen Diskussionen und im öffentlichen Raum. Das ist alles andere als trivial, sondern vielmehr der einzige Weg die Bedrohung Flächenfraß im Gespräch und somit auf der wechselhaften politischen Agenda zu halten. Zum Beispiel bei unserem zweiwöchigen Polit Treffen am 15.10. um 17 Uhr in den Räumen des BUND Naturschutz in der Schwanthalerstr. 81 (1. Stock).