Postwachstum

2019 waren unsere nachhaltigen Ressourcen weltweit am 29. Juli aufgebraucht, in Deutschland schon am 03. Mai! So früh! Ab da lebten wir auf Kosten unserer Umwelt und kommender Generationen. Dieser sogenannte „Earth Overshoot Day“ ist seit den 1970ern von Dezember bis in den Mai vorgerückt. Wir leben so, als hätten wir knapp 2 Erden zur Verfügung. Wir geben unserem Planeten keine Zeit, Ressourcen zu regenerieren, beanspruchen zu viel Fläche, verursachen zu viel CO2-Emissionen und vermüllen die Erde.

Die Ursachen für diese katastrophalen Zustände sehen viele in unserer Lebensweise und unserem Wirtschaftssystem, dessen oberstes Ziel immer noch Wachstum ist. Wirtschaftswachstum meint, dass ein Land in einem Jahr mehr Dienstleistungen verkauft und mehr Waren produziert hat als vorher. Dahinter steht die Vorstellung, dass es uns nur gut geht, wenn wir weiterwachsen. Unsere aktuell fast allgegenwärtige Devise „höher, schneller, weiter“ bringt uns nicht nur schlimme soziale Missstände, sondern auch immer näher an den Point of no return, in eine Abwärtsspirale unabsehbarer klimatischer und sozialer Folgen für die Umwelt und alles Leben auf der Erde.

Die JBN und viele weitere Verbände und großartige Bewegungen auf der ganzen Welt setzen sich vor allem seit den letzten Jahren dagegen ein, denn: auf der Erde kann es kein unbegrenztes Wachstum geben, da ihre Ressourcen begrenzt sind. Wir demonstrieren, wir protestieren, wir verändern und wir denken über alternative, bessere Lebensweisen nach.

Unter den Begriff „Postwachstum“ oder auch „Degrowth“werden Ideen gefasst, die sich mit alternativen Wirtschaftsformen jenseits des „Immer-weiter-wachsens“ befassen und oftmals jenseits des Kapitalismus liegen. Gemeinsames Ziel der Postwachstums-Bewegung ist es, den Bedarf aller Menschen zu decken und gleichzeitig die ökologischen Grenzen unseres Planeten einzuhalten. Im Folgenden stellen wir einige der grundlegenden Ideen und Beispiele zentraler Postwachstums-Stellschrauben vor.

Zentrale Ideen

Textfeld: https://www.bundjugend.de/wp- /uploads/EffizienzKonsistenzSuffizienz-e1487075097914.jpgSuffizienz bzw. suffizientes Denken befasst sich vor allem mit diesen Fragen: Was brauchen wir wirklich? Und wieviel ist genug? Sie zielt mit Blick auf die begrenzten natürlichen Ressourcen, den Klimawandel und die bedrohte Artenvielfalt auf einen möglichst geringen Rohstoff- und Energieverbrauch. Dabei soll neu bewertet werden, was für uns als Gesellschaft erstrebenswert ist. Vom ewigen Wachstum hin zu Fürsorge für sich, andere und die Natur. Suffizienz gilt wie Effizienz und Konsistenz als zentrale Nachhaltigkeitsstrategie. Im Bereich der Suffizienz drückt sich die Politik oftmals vor Herausforderungen, indem sie die Verantwortung in den Bereich von Privatpersonen und -Haushalten verschiebt. Und tatsächlich leisten schon zahlreiche Privatpersonen mit ihrem Lebensstil einen wichtigen Beitrag. Doch das reicht nicht – ein gesamtgesellschaftlicher, politischer Wandel muss her.

Her mit dem „Guten Leben“ für alle! Der Zugang zu Ressourcen und die Schäden durch Ausbeutung von Natur sind auf der Welt extrem ungleich verteilt. Jährlich sterben Millionen Menschen an Hunger und Tausende ertrinken beim Versuch, vor Not und Gewalt in eine Hoffnung versprechende Zukunft zu flüchten. Die 8 reichsten Männer besaßen 2017 so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Ein „gutes Leben für alle“, soll heißen, dass die Ressourcen und der Reichtum möglichst fair zwischen den Menschen verteilt sind und dabei auch nicht auf Kosten kommender Generationen gewirtschaftet wird.

Zentrale Prinzipien dafür sind:

  1. Alle Menschen können ihre grundlegenden, tatsächlichen Bedürfnisse (z.B. Nahrung, Trinkwasser, Gesundheitsversorgung, menschlichen Beziehungen, Wohnraum, Bildung, Kommunikationsmöglichkeiten, Mobilität) decken.
  2. Grundlegende Rechte gelten für alle Menschen, auch für nachfolgende Generation. Alle Menschen leben in Frieden und Freiheit, sind sozial abgesichert und können ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Sie können selbst entscheiden, wo sie leben möchten, wie sie ihre Ernährung gestalten, wofür sie ihre Zeit nutzen – solange nicht die Lebensmöglichkeiten anderer eingeschränkt sind.
  3. Alle Lebewesen können in einer intakten Natur zusammenleben. Das gute Leben für alle gilt auch für Tiere, Pflanzen und alle Teile der Natur. Dabei gilt es, die Rechte der Natur als Ganzes zu achten und sicherzustellen, dass sie in gutem Zustand bleibt.
  4. Alle Menschen können an gesellschaftlichen Entscheidungen, die sie betreffen, teilhaben. Was das gute Leben ausmacht, entscheiden und diktieren nicht ein paar wenige, sondern ist Teil gesellschaftlicher Aushandlungen.

Die Vision eines guten Lebens für alle beschreibt ein friedliches, ausbeutungsfreies und solidarisches Zusammenleben der Menschen miteinander und den achtsamen Umgang mit der Natur. https://blog.bundjugend.de/wp-content/uploads/2019/10/suffizienz-jetzt-reichts.pdf

Aktuell spielt auch die Klimagerechtigkeit eine große Rolle für das gute Leben für alle. Folgen wir dem Prinzip der Klimagerechtigkeit, haben alle Menschen eine gemeinsame sowie die Verursacher von Klimaschäden eine besondere Verantwortung, Schäden des bereits verursachten Klimawandels auszugleichen und weitere zu verhindern. Das heißt konkret z.B., dass nicht der globale Süden ausbaden muss, was Industrienationen im globalen Norden vermasselt haben.

Im Zusammenhang mit Klimagerechtigkeit steht auch der Gedanke, dass wir für mehr Klima- und Umweltschutz Reichtum umverteilen müssen. Würden alle Länder so viele Ressourcen verbrauchen wie die reiche Industrienation Deutschland, bräuchten wir 3,2 Planeten Erde. Doch wie können wir eine gerechtere und ökologisch nachhaltige Gesellschaft für alle jetzigen und zukünftigen Generationen gestalten? In Zeiten der Klimakrise muss unsere Gesellschaft und Wirtschaft dringend ökologisch umgebaut werden, der vorhandene Reichtum muss dafür genutzt werden. Mit einer sozial-ökologischen Steuerreform, die nachhaltige Produktionsweisen fördert und umweltschädliches Verhalten nicht länger belohnt, müssen gleichzeitig finanzielle Erleichterungen für sozial Schwache geschaffen werden, damit auch diese an einem ökologischen Umbau der Gesellschaft partizipieren können. Als Grundlage allen Lebens und Wirtschaftens muss Umweltschutz in der Politik endlich oberste Priorität haben. https://www.bundjugend.de/reichtum-umverteilen-fuer-klima-und-umweltschutz/

Die Idee der Commons beschreibt Folgendes: Statt Eigentum anzuhäufen, verlagert sich das Wirtschaften auf Allgemeingüter: tauschen, teilen, schenken, verleihen und gemeinschaftlicher Besitz werden neue Leitbilder. https://www.bundjugend.de/thema/postwachstum/

Einige zentrale gesellschaftliche Stellschrauben                   

Alle Bereiche unseres Lebens müssen in der Postwachstums-Vision mitgedacht werden. Wie das konkret in einigen wichtigen Bereichen aussehen kann, zeigen diese Beispiele:
https://www.bundjugend.de/reichtum-umverteilen-fuer-klima-und-umweltschutz/

  • Umbau des Energiesektors: Fossile Energien dürfen nicht weiter subventioniert und ihre realen Folgekosten müssen auch über den Marktpreis abgebildet werden. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien muss flächendeckend beschleunigt und für alle Menschen erschwinglich gemacht werden.
  • Ökologische Agrarwende: Nur eine kleinbäuerliche und ökologische Landwirtschaft ist nachhaltig und umweltgerecht und muss daher besser gefördert werden, damit ihre Produkte für alle erschwinglich sind. Subventionen für industrielle Großbetriebe müssen gestrichen und ihre hohen Umweltschäden besteuert werden.
  • Nachhaltige Mobilität: Ein flächendeckender und kostengünstiger öffentlicher Nahverkehr würde allen Menschen zugutekommen und insbesondere die Mobilität von einkommensschwachen Gruppen erhöhen. Inlandsflüge und Subventionen für den Flugverkehr müssen abgeschafft werden

Natürlich gibt es unzählige weitere gute Ideen, wie unsere Gesellschaft und die gesamte Welt nach der Zeit des ewigen Wachstums, „Postwachstum“ aussehen kann und wie der Weg dahin verlaufen kann. Von Öko-Dörfern bis zur Idee, das Wohlergehen einer Gesellschaft nicht mehr durch das Brutto-Inlands-Produkt, sondern durch Fragebögen zur Lebensqualität, die das das „Bruttonationalglück“ messen, wie es in Bhutan gemacht wird, gibt es unglaublich viele inspirierende, spannende Gedanken. (Weiterführende Links s.u.).

Auch der BUND, unser „Erwachsenen“-Verband, macht sich grade verstärkt Gedanken zu Visionen einer nachhaltigeren Gesellschaft. Viele Menschen im Verband tauschen sich aus, viele Köpfe rauchen, um Ideen zu sammeln und einen Prozessplan zu entwickeln für eine „sozial-ökologische Transformation“ unserer Gesellschaft. Auch die BUNDjugend Deutschland hat einen Arbeitskreis „Postwachstum“ ins Leben gerufen. Speziell bezogen auf Bayern wollen auch wir, die JBN, uns verstärkt mit dem Thema Postwachstum befassen und gründen dafür bald einen Arbeitskreis. Wenn du Lust auf visionäres Denken, spannende Ideen und ein „gutes Leben für alle“ hast, mach mit!

Links:

Quellen:

Weiterführende Links:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.