Von wilden Radlern, Moorleichen und Dakota-Indianern – FÖJ-Seminar Nummer Vier

10.05.2017 – Der April zeigte sich von seiner besten Wetterseite. Bei Sonnenschein, Regen und Schneesturm erlebten wir dreißig FÖJler im Jugendhaus Stillerhof eine nicht nur wetterbedingt abwechslungsreiche und spannende Woche. Unser Thema lautete diesmal: Alternativer Lebensstil. Und den haben wir gelebt.

Schon die Anreise zu unserer Unterkunft oberhalb von Weilheim ist spannend. Bei herrlichem Sonnenschein machen sich drei Seminarteilnehmer von München aus mit dem Fahrrad auf den Weg ins Voralpenland. Die S-Bahn bringt uns nach Gauting, von wo aus wir in zügigem Tempo bis Hersching am Ammersee radeln. Dort angekommen lassen wir unsere Beine für eine kurze Pause von der Kaimauer baumeln, bevor es an die zweite, anstrengendere Etappe geht. Denn – wer hätte das gedacht?- das Voralpenland ist ziemlich hügelig. Über Feldwege, durch Kuhweiden und auf Schotterwegen durch Wälder führt unsere Route, vorbei an Rehen, Wildhühnern und einer Wildsau. Über uns kreisen die Bussarde. Da fühlt man sich schon wir ein richtiger Naturmensch.

Nach 55km sind wir froh, als wir uns unserem Ziel nähern, dem Jugendhaus Stillerhof bei Wessobrunn. Dort treffen wir auf den Rest unserer Seminargruppe, die mit dem Bus aus Weilheim gekommen ist. Nach Begrüßung und Brotzeit geht es gleich im Programm weiter.

Selbstkritik ist angesagt. Jeder von uns füllt einen Fragebogen aus, in dem es um unser Alltags- und Freizeitverhalten, unsere Mobilitäts- und Essgewohnheiten geht. Das Ergebnis ist unser ökologischer Fußabdruck. Er zeigt an, wie viele Ressourcen wir verbrauchen, und ob unser Lebensstil nachhaltig ist. Es fällt schwer, hundertprozentig ehrlich zu sich selbst zu sein. Denn niemand von uns lebt so ökologisch, dass sein Lifestyle, würde jeder Mensch so leben, von der Erde getragen werden könnte. Und das im Öko-Seminar, Autsch!

Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Am Dienstag fahren wir ins Moor. BN-Urgestein Helmut Hermann führt uns ins Bernrieder Filz. Hier ist Vorsicht angesagt. In aufgestauten Wasserflächen stehen absterbende Bäume, die Luft ist diesig und der torfige Boden wippt unter unseren Schritten. Wer nicht aufpasst, kann in ein von Pflanzen getarntes Wasserloch treten und einfach verschwinden. Das ist dem Bund Naturschutz bei Renaturierungsarbeiten im Moor schon passiert. Helmut zeigt uns das große Loch, in dem sie fast einen ganzen Bagger verloren hätten.

Von uns geht aber glücklicherweise niemand verloren. Nach der Führung legen wir selbst Hand an und entfernen Faulbäume, die nicht zur natürlichen Vegetation des Moors gehören.

Zuletzt gehören noch Gruselgeschichten zum Moorbesuch. Wir hören ein Gedicht über Irrlichter und erfahren, dass man im Moor zwar leicht verloren gehen, versinken oder anderweitig umkommen kann, aber nur dann zur Moorleiche wird, wenn eine Person von außen den Körper im Torfboden vergräbt, sodass jegliche Sauerstoffzufuhr unterbunden wird. Unheimlich!

Am Mittwoch wird es dann mystisch. Stefan Asenbeck baut mit uns eine Schwitzhütte. Aus Weidenstöcken binden wir das Gerüst dieses igloförmigen Unterschlupfs und dichten es mit Planen und jeder Menge Decken möglichst luftdicht ab. Auf der Wiese nebenan entzünden wir ein riesiges Lagerfeuer.

Abends ziehen wir alle Badesachen an. Mit Decken um die Schultern stellen wir uns um das Lagerfeuer auf. Mittlerweile schneit es. Feierlich beginnt Stefan das Schwitzhütten-Ritual, das auf eine alte Dakota-Tradition zurückgeht. Viermal stellen wir uns um das Lagerfeuer herum auf, zur Runde des Adlers, des Kojoten, des Bären und des Büffels. Nach einigen kurzen einleitenden Worten setzen wir uns im Kreis in der Schwitzhütte auf den Boden. In die Mitte werden Salzsteine gelegt, die im Feuer heiß gemacht wurden. Diese übergießt Stefan mit Wasser, sodass es in der Schwitzhütte heiß und dampfig wird. Kräuter unterstützen die Atmosphäre, in der wir uns nun Gedanken machen über Vergangenes, Aktuelles und Zukünftiges in unserem Leben. Die Beschreibung kann etwas albern klingen, die Erfahrung ist es nicht. Während wir uns überlegen, wofür wir dankbar sind, wofür wir um Verzeihung bitten möchten, wem wir etwas verzeihen und was wir uns für die nächste Zeit wünschen, kommen starke Emotionen hoch, von denen wir uns zwischen den Runden draußen an der frischen Luft erholen müssen. Das Ritual endet erst spät nachts. Keiner von uns wird das Erlebnis schnell vergessen.

Am Donnerstag arbeiten wir handwerklich. Wir bauen die Schwitzhütte ab, verknoten Wolle beim Stricken und Stechen uns im Nähworkshop Nadeln in die Finger.

Anschließend geht es in den Rat der Weisen. Obwohl seit dem letzten Seminar erst wenige Wochen vergangen sind, haben wir in unseren drei Gruppen viel zu besprechen. Eine Gruppe tagt noch bis in den Abend hinein.

Alle anderen starten bereits zur Abschlussparty. Das Motto: Die 70er Jahre. Mit bunten Kostümen tanzen wir wild zur Musik. Schade, dass das spaßige Seminar am nächsten Tag schon wieder vorbei ist.

Wie immer gehen wir vollgepackt mit Erlebnissen und Erfahrungen zurück in unsere Einsatzstellen. Jedem Einzelnen wünschen wir bis zum letzten FÖJ-Seminar im Juli nochmal eine tolle Zeit.

Text: Julia Dade