Mit dem SUV in den Abgrund – Unser Kommentar zum Dieselgipfel

04.08.2017 – Während ich hier in einem Münchner Café die ersten Zeilen schreibe, kommt mir die Galle hoch. Neben mir diskutieren drei Leute darüber, wie beknackt das ist, dass sich alle über den Dieselskandal aufregen und dass das einzig skandalöse ja wäre, wenn sie nicht mehr mit ihrem SUV in die Innenstadt dürfen.

Vielleicht ist da der ein oder andere Gedanke dabei, über den man sprechen kann und muss. Aber im Grunde genommen, schockiert es mich, wie man so ignorant sein kann. 

Klar ist, dass die Autoindustrie bei den Fahrzeugtests seit Langem massiv betrogen hat, um ihre Dreckschleudern weiterhin auf den Markt zu bringen. Klar ist auch, dass  Mensch und Umwelt extrem unter den Folgen der Stickoxide leiden. Versauerung der Böden, Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislaufversagen, here we go. In München etwa werden die Grenzwerte für Stickoxide teilweise um das Dreifache überschritten. Wie kann einem die Zukunft von Mensch und Natur so egal sein? Die Autokonzerne stellen ihre eigenen Profitinteressen schon seit Jahren über die Gesundheit Tausender, betrügen aufs heftigste und treten das Gemeinwohl mit Füßen. Nun ist die Katze aus dem Sack, die Zahlen liegen schwarz auf weiß auf dem Tisch. Man möchte meinen, die Schuldigen stellen sich ihrer Verantwortung und ergreifen alle nötigen Maßnahmen, um Mensch und Umwelt künftig auf Platz 1 ihrer Prioritätenliste zu setzen. Man möchte meinen. 

Wie sich zeigt, ist nichts davon der Fall: Beim Dieselgipfel sitzen die Firmenbosse aller großen deutschen Automarken inklusive zugehöriger Lobby an einem Tisch und dürfen nun auch noch selbst über künftige Maßnahmen entscheiden. Woher das Vertrauen, nachdem diese Menschen uns jahrelang verarscht haben? Das ist so, als ließe man den Angeklagten im Gericht selbst über sein Urteil entscheiden. Konsequenzloser Freispruch? Dass die Gipfel Teilnehmenden kein annähernd befriedigendes Ergebnis hervorgebracht haben, überrascht uns nicht. Die vorgeschlagenen Software-Updates sind - ein schlechter Witz. Damit wäre der Grenzwert der Stickoxide aus Dieselmotoren dann nur noch viermal statt sechsmal zu hoch. Wahnsinn! Nur noch vierfach zu hohe Lungenbelastung – Gesundheit geteilt durch vier. Es mag sich bei den Software-Updates um die günstigste Lösung handeln – günstig für die Konzerne, nicht aber für Gesundheit und Umwelt. Von den politischen Akteuren fühlen wir uns dabei kein bisschen vertreten. Im Gegenteil: Leute wie der Verkehrsminister Alexander Dobrindt scheinen alles zu tun, um der in Deutschland quasi heiligen Autoindustrie nicht im Weg zu stehen. Umso schlimmer ist es, dass Umwelt- und Verbraucherschutzbehörden nicht in die Diskussion integriert werden.

Dass Konzerne den Profit weniger über die körperliche Unversehrtheit Vieler stellen ist zwar frustrierend, aber nicht unerwartet. Doch offensichtlich gibt es auch unter den Verbrauchern einige, die ihren persönlichen Lebensstil durch die Grenzwerte bedroht sehen, statt deren Nutzen für alle zu erkennen. Solange wir als Gesellschaft uns gegenseitig im Weg stehen, hat die Autoindustrie mit all ihren Schweinereien freie Bahn. Wir müssen anfangen den Mehrwert einer sauberen Welt zu spüren, in der das Wohl der breiten Masse die Bequemlichkeit einzelner aussticht. Die Menschen müssen begreifen, dass es nicht „Wir Ökos gegen sie“ heißt. Ziel ist doch ein Systemwandel, der die Lebensqualität für uns ALLE verbessert. A so a guade Luft – das klingt für mich nach Urlaub. Diese Lebensqualität möchte ich auch zuhause haben, doch das ist mit maximalem Konsum und einem möglichst dicken Statussymbol vor der Garage einfach nicht möglich – denn auch mit einem SUV fährt man in den Abgrund, wenn sich nichts ändert. 

Zum Glück zeigt der mediale Aufschrei, dass doch viele Menschen das begriffen haben. Auch wenn Konzerne, Politik und Teile der Gesellschaft noch nachziehen müssen – wir lassen uns nicht ignorieren, immerhin leben wir in einer Demokratie. Daher unser Aufruf: Erhöht den Druck auf Politik und Autokonzerne, schwingt euch aufs Fahrrad, unterstützt Kampagnen wie von Green City und nehmt an Demos teil. Im September ist Bundestagswahl. Lasst uns Dobrindt & Co. dann die Rechnung präsentieren, die sie der Autoindustrie ersparen wollen. Und vor allem: Lasst uns nicht warten, bis die Kacke am Dampfen ist und wir nur noch mit Atemmaske auf die Straße können. Daher tut Eure Meinung kund, wenn ihr fehlgeleitet wirkende Menschen über das Thema reden hört. Erfahrungen zeigen, dass sich zwei von drei Menschen überzeugen lassen. Das wäre dann nur noch einer, von drei SUVs.