Bienensterben vor der EU-Vertretung: Bündnis hinter „Save Bees and Farmers“ kritisiert EU-Ziele zur Pestizidreduktion als zu kurz gegriffen

20.05.2020 – Am heutigen Weltbienentag veröffentlicht die EU-Kommission als Teil der neuen Biodiversitäts-strategie die mit Spannung erwarteten Ziele zur Pestizidreduktion. Bis zum Jahr 2030 soll der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden in der Europäischen Union um 50 % reduziert werden.

Das Bündnis hinter der Europäischen Bürgerinitiative „Bienen und Bauern retten!“, die den EU-weiten Komplettausstieg aus Pestiziden fordert und bereits von über 330.000 Menschen unterstützt wird, hält diese Zielvorgabe für nicht ausreichend. Aktivist*innen der Jugendorganisation BUND Naturschutz und des Umweltinstitut München protestieren vor der EU-Vertretung in München mit einem Bienen „Die-in“ gegen die zu kurz gegriffenen Reduktionsziele. 

Mit der Biodiversitätsstrategie und der Farm-to-Fork-Strategie („Vom Hof zur Gabel“) veröffentlicht die EU-Kommission in Brüssel an diesem Mittwoch zwei für Naturschutz sowie Landwirtschaft äußerst relevante Strategiepapiere. Während die Biodiversitätsstrategie das Ziel hat, den Verlust von Biodiversität in der Europäischen Union aufzuhalten und den Zustand der europäischen Arten, Lebensräume, Ökosysteme und Ökosystemleistungen zu verbessern, soll die Farm-to-Fork-Strategie Maßnahmen aufzeigen, die nötig sind, um nachhaltigere und klimafreundlichere Ernährungssysteme zu schaffen. Die Veröffentlichung beider Strategien war ursprünglich für März angekündigt, und aufgrund von Covid-19 mehrmals verschoben worden. Beide Vorhaben sind Teil des von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im November vorgestellten Green Deal, der die Erreichung der Klimaneutralität bis 2050 vorsieht.Viele Stimmen, darunter die von Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans, fordern, die in den Biodiversitäts- und Farm-to-Fork-Strategien benannten Ziele in der neuen Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) ab 2021 zu berücksichtigen.

Die Veröffentlichung der beiden Strategien fällt auf den Weltbienentag, zu dem die Vereinten Nationen im Jahr 2017 den 20. Mai ernannten, den Geburtstag Anton Janšas, einer slowenischen Pionierfigur der Imkerei. Das Bündnis hinter der Europäischen Bürgerinitiative „Save Bees and Farmers!“, das aus über 140 Organisationen aus ganz Europa aus den Bereichen Umwelt- und Naturschutz, Imkerei, Landwirtschaft, Gesundheit, Wissenschaft sowie Verbraucher- und Tierschutz besteht, will diesen Tag nutzen, um die Öffentlichkeit auf das dramatische Bienensterben aufmerksam zu machen:

„Von den über 500 Wildbienenarten allein in Deutschland, zu denen übrigens auch die Hummeln gehören, ist fast die Hälfte bedroht. Neben dem Verlust von Lebensräumen durch Flächenversiegelung und Monokulturen leiden die Tiere auch unter dem massiven Einsatz von Pestiziden in der industriellen Landwirtschaft. Zwar sind 50 % weniger Pestizide ein erster Schritt – wollen wir aber, dass auch künftige Generationen noch eine Vielfalt von Insekten kennenlernen dürfen, müssen wir komplett aus dem Einsatz der Ackergifte aussteigen. Anders gesagt: Die Hälfte Gift ist immer noch Gift für Bienen und andere Bestäuber!“,so Emilia Ehlermannvon der Jugendorganisation BUND Naturschutz. 

"In Bayern haben wir für den Schutz der Insekten mit dem gewonnenen Volksbegehren 2019 viel erreicht, der Einsatz von Pestiziden wurde auf Grünland, Biotopen und Teilflächen in Naturschutzgebieten verboten. Doch das reicht nicht aus. Wir brauchen eine grundlegend andere Agrar-Politik in der Fläche und wir brauchen mehr Schutz in allen für den Schutz der Natur ausgewiesenen Schutzgebieten, so dort auch ein vollständiges Verbot von Pestiziden. Der gestern vorgestellte Bericht zur Lage der Natur zeigt deutlich, dass es den Arten in den Schutzgebieten zwar besser als außerhalb geht, dass aber die Zukunftsfragen im Naturschutz vielfach immer noch nicht gelöst sind. Die Überwindung der Corona-Pandemie darf nicht zur Schwächung oder Verschiebung des Schutzes des Natur führen, sondern ist im Gegenteil auch eine Chance, ökologisch-sozial verträgliche Maßnahmen und ein Wirtschaften mit der Natur voranzubringen und damit die Krisenanfälligkeit zu reduzieren“, so Christine Margraf, Referentin für Artenschutz des BUND Naturschutzweiter. 

Veronika Feicht, Referentin für Agrarpolitik beim Umweltinstitut München ergänzt: „Der massive Rückgang der Insektenpopulationen stellt laut der Welternährungsorganisation eine ernsthafte Bedrohung für die Welternährung dar. Über ein Drittel aller weltweit produzierten Nahrungsmittel sind zumindest in Teilen auf die Bestäubungsleistung durch Bienen, Schmetterlinge und Co. angewiesen. Stirbt die Biene, bleiben auch unsere Teller leer. Um das zu verhindern, müssen wir möglichst schnell den Umstieg auf mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft schaffen – das heißt konkret: Raus aus Pestiziden, Wiederherstellung von Ökosystemen und Artenvielfalt in ländlichen Gebieten und die – auch finanzielle Unterstützung von Bäuerinnen und Bauern, die naturverträglich wirtschaften. Diese Forderungen stellen wir mit unserer Europäischen Bürgerinitiative an die EU-Kommission und bringen so die zahlreichen Artenschutzbewegungen der letzten Jahre zusammen. „Rettet die Bienen!“ zieht nach Brüssel!“

Um die gefährliche Wirkung von Pestiziden auf Bienen zu verdeutlichten, inszenieren die Umweltschützer*innen in Bienenkostümen vor der EU-Vertretung am Bob-von-Benthem-Platz in München ein „Die-in“ und präsentierten Schilder mit den Botschaften „Rettet uns!“ und „Pestizide töten!“. Während die meisten Pestizide bei Bienen nicht sofort zum direkten Tod führen, verringern sie doch die Überlebens- und Entwicklungschancen der Tiere massiv: Beispielsweise schädigt Glyphosat das Immunsystem von Bienen, während Sulfoxaflor die Fruchtbarkeit von Erdhummeln beeinträchtigt und Flupyradifuron die Lernfähigkeit von Jungbienen beeinträchtigt.  

Aufgrund von Covid-19 tragen die Aktivist*innen zu den Bienenkostümen passende Masken, halten sich an den gebotenen Sicherheitsabstand und beantworten somit zugleich die Frage, wie kreativer Umweltaktivismus in Zeiten von Covid-19 aussehen kann.

Foto: Claudio Köhl